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Montag, 2. April 2012

Von der Schwere der Liebe und den Schwierigkeiten des Loslassens.

Ich habe in mir eine Waage. In der linken Schale liegen die "Ich habe keinen Bock mehr auf das alles. Es tut weh und ich habe wirklich keine Lust mehr."-Gefühle. In der rechten Schale liegen die "Aber ich will es so sehr. Ich will ihn doch so sehr."-Gefühle. Und ich habe in mir diesen Glauben, dass, wenn nur endlich die linke Seite schwerer wöge als die rechte, ich aufhören könnte; vielleicht den Willen finden würde, ihn zu vergessen. Oder vielleicht würden - wie bei TETRIS -, sobald die Schalen eine Waagerechte bilden, sich beide in Luft auflösen, und mit ihnen alle in ihnen enthaltenen Gefühle und ich wäre frei.
Aber jedesmal wenn ich, etwas wehmütig, aber auch mit Hoffnung, ja Genugtuung ("So schwach bin ich noch nicht, dass der Wunsch nach ihm meine einzige Regung wäre."), ein Gefühl in die linke Waagschale lege, wird auch die rechte ein wenig schwerer und alles ist wieder wie zuvor.

Ich bin Sisyphus und rolle vor mir her einen Felsen aus "Ich will das hier nicht mehr." Ich rolle den Felsen fort von ihm, einen Berg hinauf. Es fällt mir schwer, mich nicht umzudrehen. (Ich will nur noch einmal sein Gesicht sehen. Es ginge mir besser, könnte ich ihn nur ansehen, ich bin sicher.), aber ich setze einen Fuß vor den nächsten, konzentriert. Bestimmt. Ich weiß: Schaffe ich es über die Kuppe, bin ich frei. Frei von dem Drang mich umzudrehen, frei von dem Drang zurückzulaufen. Das genügt. Ich gehe weiter.
Aber die Bäume um mich herum flüstern mit seiner Stimme und die Kiesel und Wurzeln auf dem Weg tragen sein Gesicht. Sein Gesicht ist das erste und das letzte, das ich sehen möchte. Ich schaue nicht zu Boden. 
Ich stolpere über einen kleinen Stein, falle und sehe darauf seine Züge, sehe dann meinen Felsen den Berg herunterrollen.
Sehe dann ihn, am Fuß des Berges, springe auf und laufe zurück.

Donnerstag, 10. November 2011

Ein Date mit meinem Selbstmitleid

Das Problem daran, ein Leben zu haben, und Freunde, und irgendwie keinen Grund mehr, abends allein im Zimmer zu sitzen, ist, dass man keine Zeit mehr für Selbstmitleid hat. Wenn meistens Menschen um einen herum sind, und überwiegend nette Menschen, mit denen man gern Zeit verbringt, dann ist entweder für den Moment tatsächlich alles in Ordnung, oder aber man hat zumindest zu viel zu tun, viel zu viel Umgebung, um zu merken, dass nicht alles in Ordnung ist.

Und dann sind es die kleinen Momente zwischendurch, die, die du nicht kommen siehst und die dich überraschen, die plötzlich da sind, und dann hast du auf einmal einen Moment für dich allein, huch, wo kommt der denn her.
Und dann fällt dir auf, wie lange du schon nicht mehr allein mit dir und deinen Gefühlen warst. Und oh, da ist ja immer noch Traurigkeit. Und oh, eigentlich ist es ja ganz schön scheiße, unerwiderte Gefühle für jemanden zu haben. Stimmt ja. Mist. Und was jetzt?
Und dann würdest du am liebsten heulen, aber das geht nicht, du musst ja in ner halben Stunden präsentabel zur Chorprobe erscheinen oder sitzt in der U-Bahn oder läufst durch Karstadt.
Und dann machst du ein Date mit deiner Traurigkeit und deinem Selbstmitleid. "Bis heute abend noch durchhalten, und dann nehme ich mir ein trauriges Buch und eine Schale voll Apfelmus und lege mich ins Bett und heule. Aber bis dahin noch durchhalten. Den Rest des Tages hast du doch auch nichts gemerkt." Ein Plan, aber auf Dauer macht das auch keinen Spaß.

Das ist also ein Vorsatz. Mir Momente nehmen, um mal kurz hinzuhören. "Hey. Wie geht es mir eigentlich gerade?" Mir Zeit nehmen für das Traurigsein. Zeit, in der ich mich mal ganz mit mir beschäftigen kann, ohne Ablenkungen, ohne daran zu denken, was meine Umgebung jetzt wohl denkt, oder wie ich nachher meine roten Augen erkläre, oder dass es doch gerade ganz lustig und nett ist, jetzt stell dich mal nicht so an.
Momente, in denen ich mich ganz bewusst anstelle und anstellen darf. Sowas.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Ich habe Mitbewohner, mit denen die Chemie stimmt. Die Porno-und-Genitalhumor-Chemie. Die ist nämlich genauso wichtig wie die andere Chemie.

(während wir Transporter 3 gucken:)
Ich: Die Szene könnte man auch gut als Ausgangsplot für nen Porno verwenden.
Mitbewohner 3: Genau das hab ich auch gerade gedacht.
Ich: freue mich mehr als an Weihnachten
Wir: high-five
Ich: Meine beste Freundin und ich wollen später mal eine Porno-Produktionsfirma gründen. Vielleicht nehmen wir das hier ja mit auf.

(am nächsten Abend, während wir Batman Begins gucken:)
Mitbewohner 4: Wäre die Szene nicht auch was für eure Pornofirma?
Ich: Tatsächlich! Du bist gut! Vielleicht stellen wir dich ja ein ... eine aufstrebende Firma wie unsere, da gibt es bestimmt viele Stellen zu besetzen ...
Mitbewohner 4: lacht Vor allem "aufstrebend" ist--
Ich: glaube zu verstehen was er meint, weil "aufstrebend", wie genial ist das bitte, und ersticke fast vor lachen
Wir: lachen
Ich: Moment, lachen wir überhaupt über die gleiche Sache? Ich meine, meintest du überhaupt die Anspielung von der ich dachte, dass du sie meintest?
Mitbewohner 4: meinte anscheinend nicht diese Anspielung, versteht aber was ich meine und lacht noch mehr Nein, die meinte ich nicht, aber deine ist viel besser!
Wir: freuen uns und lachen noch etwas länger
Die anderen: beobachten diesen Austausch und finden uns wohl jetzt noch etwas seltsamer als vorher

Sonntag, 16. Oktober 2011

Manchmal, zum Beispiel wenn wir mit einem gemeinsamen Freund im Museum sind, ich mich umdrehe und kurz erschrecke, weil du da stehst, am anderen Ende des Raums und mit dem Rücken zu mir, deinem Rücken, der anscheinend den gleichen Effekt auf mich hat wie alles an dir, denke ich:
Kann ich bitte irgendwelche Rechte auf diesen Rücken haben? Irgendein Dokument, das mir schwarz auf weiß bescheinigt, dass ich jetzt zu dir rübergehen darf, mit meinen Händen über deine Schulterblätter fahren, meine Arme um deinen Oberkörper falten, und mein Gesicht an deine Wirbelsäule drücken. Irgendetwas, das es okay machen würde, jetzt etwas zu tun, und nicht nur hier zu stehen, wie angewurzelt, und dich anzusehen und zu hoffen, dass du dich nicht zu bald umdrehst, weil ich dann wegsehen müsste.
Und dann sehe ich doch weg, obwohl du noch immer in die Betrachtung irgendeines Bildes vertieft bist, schüttle meinen Kopf, kämpfe kurz gegen den Drang an, mich selbst auszulachen, und gehe bestimmt weiter in den nächsten Raum, weil echt mal, so kann das doch nicht weitergehen, meine Liebe, ein bisschen Disziplin, wenn ich bitten darf.

Mittwoch, 14. September 2011

Der hübsche Kontrabassist, oder, "Gegenseitiges Stalking ist doch eigentlich ziemlich romantisch." | 23. Juni 2011 22:30 tumblr

Wäre der hübsche Kontrabassist etwas mehr wie ich (und etwas mehr meine Liga), würde er vielleicht meinen Mitbewohner, der auch im Orchester ist, Zeug über mich fragen, worauf mein Mitbewohner vielleicht antworten würde, dass er sich nicht wohl dabei fühlt, vertrauliche Daten über seine Mitbewohner weiterzugeben, unabhängig davon, ob diese Mitbewohner selbst leicht stalkerhafte Verhaltensweisen an den Tag legen, worauf der hübsche Kontrabassist vielleicht ausrufen würde: “Aber denk doch mal drüber nach: gegenseitiges Stalking ist doch eigentlich ziemlich romantisch.”, worauf mein Mitbewohner den Kopf schütteln und “Aha! Ihr seid also beide vollkommen bekloppt! Meinen Segen habt ihr.” sagen würde. And they would have lived happily ever after.
[In diesem Szenario würde ich allerdings auch mich selbst stalken, nur halt in männlich und wesentlich attraktiver, was das ganze etwas inzestuös-creepy machen würde, abgesehen davon, dass ich einen Mann, der in der oben geschilderten Weise ist wie ich, vermutlich eher weniger anziehend finden würde. Ich wollte auch eigentlich nur meine These loswerden, dass gegenseitiges Stalking wirklich unheimlich romantisch ist. Auf eine unter Umständen verstörende und für Außenstehende nicht klar ersichtliche Weise, aber dennoch romantisch.]
[Ich stalke ihn übrigens nicht wirklich.]

what made my day | 17. Dezember 2010 01:25 tumblr

nach dem theater in der u-bahn sitzen. ein mann, vielleicht 50, steigt ein und will sich mir gegenüber setzen. ich setze mich etwas aufrechter hin, damit meine knie ihm nicht im weg sind. er lächelt mich an, aber nicht demonstrativ. “danke, das ist nett”. so ein lächeln. ich lese weiter. 
später, als der zug an meiner haltestelle einfährt, meine begleitung schon aufsteht und zur tür geht, ich die zeitung zusammenfalte und mütze und handschuhe nehme, wieder ein lächeln. “tschüss. nett dich kennengelernt zu haben. komm gut nach hause.” so ein lächeln. ganz ruhig, ganz unaufdringlich. diese ganz leise zwischenmenschlichkeit, wenn man sie nicht erwartet.
made my day.